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Buchbesprechung

"Team Neurott" und sein Buch "Leon und der Enderle": Historische Sage mit aktuellem Thema verknüpft

Die Gestalt des Enderle, Symbolfigur für Ehrlichkeit und bedingungslosen Einsatz für Gerechtigkeit, ist in Ketsch überall le­bendig. Jenem Schultheißen, der sich, so lehrt die Sage, mutig gegen Obrigkeit und Ungerechtigkeit auflehnte, begegnet man an vielen Stellen - ob „Enderle-Apotheke“, „Enderlestraße“ oder als Statue vor dem Rathaus. Nun gibt es ihn noch in einer weiteren Form: als Protagonist eines Bu­ches, das die Klassen 6a und 6b der Neu­rottschule geschrieben haben.
Unterteilt in zehn Kapitel, begibt sich der Leser auf eine abenteuerliche Zeitreise und taucht ein in zwei parallele Geschich­ten, die zur selben Jahreszeit, nämlich im Herbst, in der Kurpfalz ihren Lauf nehmen: Eine spielt im 16. Jahrhundert in Ketsch und erzählt die Sage des Enderle. Die an­dere ist in der heutigen Zeit angesiedelt und stellt den Schüler Leon in den Mit­telpunkt, der von seinen Mitschülern ge­mobbt wird. Auf den ersten Blick scheint es, als ob diese beiden Geschichten nichts gemeinsam haben. Doch von Kapitel zu Kapitel werden neue Spuren sichtbar, die zu einem Thema führen, das beide Hand­lungen umspannt: Gewaltbereitschaft und ihre Folgen.
Den Sechstklässlern der Neurottschule - 19 Mädchen und 12 Jungs - ist es ge­lungen, zwei Zeitebenen in kurzweilige Geschichten zu packen. Mit großem Ein­fühlungsvermögen werden in expressiven Szenen unterschiedliche Charaktere zum Ausdruck gebracht: Leon ist schüchtern und zurückhaltend, oft schweigsam und introvertiert. Er traut sich kaum, sich zu wehren und wird schnell ein Gefangener seiner Opferrolle. Die Zwillinge Emilia und Laura hingegen sind frech, hinterlistig und auf ihre eigenen Interessen konzentriert. Ihr Verhalten ist fies und rücksichtslos und es mangelt an Respekt.
In der Enderle-Sage dominiert Evchen mit ihrem empathischen Wesen. Hilfsbereit, neugierig und manchmal auch ängstlich fügt sie sich in die Frauenrolle ihrer Zeit. Evchens Vater wiederum ist ein ehrbarer und fleißiger Mann, ein Vorbild für die Dorfbewohner und ein Schultheiß, der sich um vieles kümmert. Ottheinrich hin­gegen ist ein selbstgefälliger, arroganter Mensch, der gerne spottet und sich seiner Macht sehr bewusst ist.

Kontinuierlicher Spannungsbogen

Die Jungautoren versetzen sich mit er­staunlicher Intensität in die jeweilige Person, über die sie schreiben. Die Spra­che ist klar und schnörkellos und bringt in ihrer Eindringlichkeit vieles auf den Punkt. Es sind keine langen Ausschwei­fungen vonnöten, um den Leser zu be­geistern. Der einheitliche Stil überzeugt und prägnante Formulierungen ziehen sich als roter Faden durch das Gesche­hen. Zwischenepisoden - beispielsweise mit dem Nachbarn Walter, der Evchen den Weg in Richtung Schwetzingen zeigt, oder auch mit dem kleinen Eichhörnchen, das dafür sorgt, dass ein Ritter vom Pferd fällt - sorgen für eine Auflockerung der Handlung. Bildhaf­te Beschreibungen, unter anderem von Enderles Wohnungseinrichtung mit Him­melbett, Ofenbank und Kommode aus Kastanienholz sowie von der Festkleidung Ottheinrichs und seiner Braut Susanna, verstärken das Gefühl des Lesers, nah am Geschehen zu sein. Der an mehreren Stel­len gewählte Perspektivenwechsel erhöht den Spannungsbogen: Für den Leser ist es faszinierend, das Geschehen in verschie­denen Betrachtungsweisen mitzuerleben, so zum Beispiel den Überfall auf die Bau­ern, der einmal aus der Sicht der Reiter und einmal von Evchen geschildert wird. Und auch bei der modernen Geschichte verstärkt sich die Dynamik durch die Än­derung des erzählerischen Blickwinkels von Leon zu den Mitschülern Marvin und Lulu, die sich von der Lust am Mobbing anstecken lassen.
In liebevoll beschriebenen Details wird deutlich, wie ernsthaft das „Team Neu­rott“ recherchiert hat, insbesondere bei der Enderle-Geschichte. Hier passen alle Beschreibungen in die Zeit des 16. Jahr­hunderts - vom Läuten der Sturmglocke über die Eisenschuhe der Rüstung bis hin zum „Staffel“, wie früher die Stufen von der Haustür in den Hof bezeichnet wurden. Sogar die Dauer eines Fußmarsches von Schwetzingen nach Ketsch konnten die Jungautoren mit realistischer Zeit­angabe beschreiben, waren sie den Weg doch selbst gelaufen, um zu wissen, wie lange man dafür braucht.
Das Zuspitzen der Situation und die Gefahr des Eskalierens werden in bei­den Geschichten pointiert heraus­gearbeitet. Dramatische Momente, beispielsweise der Traum von Leon oder Evchens Ertrinken im Rhein, halten den Leser in Atem. Das Thema Mobbing wird in mehreren Facetten erörtert: der Reiz für die „Mitläufer“ ebenso wie die Vereinsamung des Opfers. Auch die Gefahren, die das öffentliche Posten von Fotos mit sich bringt, werden zum Ausdruck ge­bracht. Und letztendlich ist es Ender­le, der das Geschehen zusammen­fasst und eine These formuliert, die für beide Handlungen gleicherma­ßen zutrifft: „Man soll die Menschen so behandeln, wie man selbst behan­delt werden will!“
Das Buch, das die Jungautoren der Neurottschule geschrieben haben, ist unterhaltsam, fesselnd und lehr­reich zugleich - ein tolles Projekt, auf das die Schülerinnen und Schüler der Klassen 6a und 6b sowie alle, die mitge­holfen haben, stolz sein dürfen! sas


„Team Neurott“: Lavinia Achtstetter, Lara Ademi, Milena Amato, Lucas Bacholke, Chiara Bauer, Tim Bergbold, Briana Bora, Emily Breitwieser, Nicolas Bruchmann, Abdulsamet Celik, Michael Derschum, Alexander Djenic, Kevin Eberhardt, Phi­lipp Ekkert, Lea-Sophie Gelbert, Leonie Hemmerich, Kira Hutschenreiter, Kalyshia Impraim, Julia Jamroz, Martin Legeza, Mina Lösch, Lea Müller, Marius Müller, Marc Radau, Alessia Schembri, Rosalie Schwan-Schmidt, Vivien Staudt, Ragnar Steinmann, Zoey Timm, Zoe Wolf und So­fia Worm

Projektleitung: Anette Schwab und Carola Kupfer

Das Buch ist im Verlag Edition Schröck- Schmidt erschienen
ISBN: 978-3-945131-27-5

(Erstellt am 20. Februar 2019)

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